Fallenstellen für die Forschung im Dschungel von Madagaskar
Antananarivo. Ein wahrlich „tierisches“ Leben führt die 28-jährige Johanna Rode aus Eschwege, die sich seit Jahren im Bereich Natur- und vor allem Artenschutz stark engagiert und dies auch zu ihrem Beruf machen möchte. Dabei hat alles ganz normal begonnen… In Reichensachsen, wo das Elternhaus steht und die Familie wohnt, spielte die junge Frau in der Jugend beim Sportverein Handball, erlernte das Klavierspiel, sang in einem Chor, begeisterte sich für Wildwasserfahrten in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Slowenien und machte an der Adam-von-Trott-Schule in Sontra das Abitur. „Tiere sind mein Ding“, bekräftigt Johanna Rode gut 8000 Kilometer von zu Hause entfernt auf der seit einem Putsch krisengeschüttelten Tropeninsel Madagaskar, wo sie ihren Forscherdrang fernab jeglicher Zivilisation richtig ausleben kann. „Während meiner Kindheit hielt ich Kaninchen und Mäuse, die mir dann aber zu langweilig wurden, so dass ich mich auf Ratten spezialisiert habe.“ Stabschrecken in der Wohnung Später wurde es dann allerdings exotischer: ein afrikanischer Zwergsiebenschläfer, pflegeleichte Riesentausendfüßler und Stabschrecken bevölkerten ihre Wohnung. Dem Abitur schloss sich nahtlos ein einjähriges freiwilliges ökologisches Jahr in der zoopädagogischen Abteilung des Heidelberger Tiergartens an. Die Eschwegerin erhielt Einblicke in die Verwaltung, Tierpflege und das Management, betreute Schulklassen und weitere Besuchergruppen, organisierte Feste und Kindergeburtstage in tierischer Umgebung. Von 2002 bis 2007 folgte ein Studium in Würzburg mit Blickrichtung Grundschullehramt und Hauptfach Biologie bis zum ersten Staatsexamen. „Als Belohnung gönnte ich mir damals eine zweimonatige Tätigkeit in der Orang Utan-Auffang- und Auswilderungsstation auf Borneo.“ In den Semesterferien engagierte sie sich zuvor zwei Monate in einer Wildtierstation in Ecuador, wo vor allem geschmuggelte Affen und Papageienvögel gehalten wurden und leitete dort Besucherführungen. Drei Wochen lang schaute sie dem Zootierarzt in Dresden über die Schulter und in einem kleinen Schulzoo in Dresden wurden die Kinder angeleitet, die freiwillig Verantwortung für die Tiere übernommen hatten. Nicht unerwähnt bleiben darf der zweijährige Einsatz als Hilfswissenschaftlerin im Raum Würzburg, wo sie Fledermäuse gezählt und bestimmt hat. Affensuchen in Vietnam Im holländischen Van-Hall-Institut in Leeuwarden machte Johanna Rode 2009 nach zweijährigem Studium ihren Bachelor-Abschluss im Bereich Internationales Natur- und Wildtiermanagement. Und wieder ging es in die weite Welt: Im Rahmen eines viermonatigen Praktikums in der Artenschutzabteilung des Zoos im westfälischen Münster beschäftigte sich Johanna Rode mit Goldkopflanguren aus Vietnam, von denen es nur noch 70 Vertreter in freier Natur geben soll. Zwei Monate lang lebte sie im Zelt, um in der asiatischen Heimat dieser Languren deren Verhalten zu beobachten. „Danach beschloss ich dann, ab September 2009 noch ein einjähriges Masterstudium an der Oxford Brookes-Universität in England mit Schwerpunkt Primatenschutz dranzuhängen.“ Ihre Masterarbeit brachte die begeisterte Tierfreundin dann mit „Mirza zaza“ in Berührung, dem im Nordwesten der Gewürzinsel Madagaskar vorkommenden nördlichen Riesenmausmaki. Wieder wurde der Rucksack gepackt, das heimische Bett mit einem Zelt vertauscht, die Dusche mit einem romantischen kleinen Wasserfall am nahen Fluss, die Toilette mit einem Plumpsklo. Spaghetti mit Tomatensoße war ein Festmahl. Johanna Rode „Im Nationalpark Sahamalaza, wo sich Malariamücken, Fingertiere, Wieselmakis und nachtaktive Schleichkatzen gute Nacht sagen, habe ich gut zwei Monate verbracht.“ Bereits der Weg dorthin ist abenteuerlich: Von der Hauptstadt Antananarivo 16 Stunden per Buschtaxi nach Antsohihy, dann umsteigen und weitere fünf Stunden Holperpiste bis Analalava. Dort schließen sich eine zweistündige Bootsfahrt und eine ebenso lange Wanderung bis zum Camp an. Das Gepäck und die Lebensmittel kommen per Ochsenkarren nach. Ergebnisse nach Oxford Mit Hilfe von Lebendfallen, die mit Bananen bestückt wurden, gelang es Johanna und ihren einheimischen Kollegen acht Riesenmausmakis, die jeweils rund 300 Gramm wiegen, sich durch große Ohren und Augen und einen langen buschigen Schwanz auszeichnen, ein Mini-Halsband mit Sender anzulegen. Somit konnten die flinken Baumbewohner nachts mit Hilfe einer Antenne geortet und beobachtet werden. „Diese Lemurenart steht zwar auf der Roten Liste bedrohter Arten, bis jetzt gibt es aber kaum Daten über sie. Wichtig sind zum Beispiel Informationen darüber, welche Bäume sie bevorzugen, bevor man Aufforstungsmaßnahmen in die Wege leitet.“ Genetische Proben aus der Ohrenhaut der gefangenen Tiere sollen Aufschluss darüber geben, ob der Bestand bereits so klein ist, dass Fälle von Inzucht auftreten. Sozialstruktur und allgemeines Verhalten - jede Menge Daten wurden gesammelt, die nach der Rückkehr im August in Oxford ausgewertet werden. Johanna Rode: „In Erinnerung bleiben wird mir die Lagerküche: Dreimal am Tag Reis, mittags und abends mit Bohnen. Sonntags Spaghetti mit Tomatensoße war da jedes Mal ein Festmahl. Und natürlich die Begegnungen mit den munteren und neugierigen Lemuren, die kaum Scheu vor den Menschen zeigen. Die Tiere sind bis zu 30 Zentimeter an uns herangekommen.“ Soldaten grillen die Makis Einmal wurde in der Nähe des Camps ein Holzfäller gestellt, der auch einen Wieselmaki gewildert hatte und diesen seltenen Primaten gerade über dem Feuer röstete. Seit dem von meuternden Soldaten unterstützten Putsch durch einen Ex-DJ im März 2009 werden die madagassischen Wälder mit den letzten Edelholzbeständen systematisch und rücksichtslos geplündert und Lemuren dienen nicht nur den Holzfällern, sondern auch der immer ärmer werdenden Landbevölkerung als willkommenes Buschfleisch. „Nach meinem Abschluss in Oxford möchte ich entweder gerne weiter forschen, meine Doktorarbeit schreiben oder einen Job im Bereich Arten- und Naturschutz in Deutschland oder Europa annehmen“, ist berufliche Zielrichtung der Tiernärrin mit dem Hang zum Exotischen aus Eschwege. (Dienstag, 27. Juli 2010)