Eine gehörige Portion Wehmut war dabei, als sich Heinz und Herbert Bührig dem Fotografen vor dem Clubhaus des Motorsportclubs Eschwege an der Blauen Kuppe zum vermutlich letzten, dem Abschiedsfoto stellten. Heinz Bührig, der den MSC Eschwege 45 Jahre lang als 1. Vorsitzender führte: „Nach 57 Jahren tut das sehr weh, Abschied von diesem Haus und dem Club nehmen zu müssen! MSC Eschwege ade!“. Bührigs Bruder Herbert, 23 Jahre lang Haus- und Gerätewart, pflichtet ihm bei: „Und ob das weh tut!“. Es ist Tatsache: Den 1951 gegründeten Motorsportclub Eschwege, in der Kreisstadt und Umgebung eher unter dem Kürzel „MSC“ bekannt, gibt es nicht mehr. Im August des Jahres beschlossen die letzten verbliebenen Mitglieder die Auflösung des Clubs, spendeten das verbleibende Clubvermögen gemeinnützigen Zwecken und stimmten zu, das Clubhaus dem benachbarten Eschweger Luftsportverein zu übereignen, der es künftig nutzen wird. Auch der Hessische Fachverband für Motorsport und Landessportbund Hessen haben den Abgang des MSC bereits bestätigt. Ärger mit Umweltbehörden Wie konnte das passieren, dass sich einer der traditionsreichsten und erfolgreichsten hessischen Motorsportclubs, der sich in ganz Europa einen Namen als hervorragender Organisator von Europameisterschaftsläufen und DMV-2-Tage-Fahrten gemacht hat, auflöst? Heinz Bührig, Gründungsmitglied, unter anderem Schriftführer und Schatzmeister, und von 1953 bis 1998, also 45 Jahre 1. Vorsitzender: „Es waren verschiedene Ursachen, die zur Clubauflösung führten. Die wichtigste: Wir bekamen nach 1988 von den Umweltbehörden des Kreises keine Genehmigung mehr, unsere Gelände-Zuverlässigkeitsfahrten auf den vorgesehenen Strecken rund um Eschwege durchzuführen. Ausweichstrecken standen nicht zur Verfügung, so mussten wir aufgeben!“. Die Absagen der Fahrten in den folgenden Jahren blieben nicht ohne Folgen. Aktive Motorrad-Sportler des MSC hörten nach und nach auf oder starteten für andere Clubs. Weitere, vor allem jüngere Mitglieder, wanderten ab, der Club überalterte. Zwar gab es bescheidene Versuche, Nachwuchs auszubilden, doch auch diesen Bemühungen waren Grenzen gesetzt, so dass der MSC bald jegliche Aktivitäten einstellte. „Und schließlich konnte auch der Vorstand nicht mehr voll besetzt werden, das Clubleben schlief trotz unserer Bemühungen langsam ein, der MSC bestand bald nur noch auf dem Papier“, sieht Heinz Bührig etwas wehmütig die letzten Jahre um die Jahrhundertwende. Europas Elite war da Die Motorsportanhänger rund um Eschwege, die wie der Chronist die 25-jährige Blütezeit des Clubs von 1963 (erste DMV-2-Tage-Fahrt) bis 1983 (23. DMV-Zuverlässigkeitsfahrt und Lauf zur Deutschen Meisterschaft) unmittelbar miterlebten, bedauern diese Entwicklung. Sie erinnern sich noch an die vielen von den MSC-Mitgliedern und befreundeten Clubs perfekt organisierten Veranstaltungen wie vier Enduro-Europameisterschaftsläufe in 1969, 1971, 1973 und 1979, als sich Europas Motorradelite mit Solomaschinen und Gespannen spannende Kämpfe lieferte und Eschwege in den Mittelpunkt des Sportgeschehens rückte. Sie erinnern sich aber auch noch an das Ringen 1986 und 1988 der Eschweger Motorsportler mit den Umweltbehörden, die am längeren Hebel saßen und die MSCer 1988 schließlich zur Aufgabe zwangen. Nur einmal noch, 2003, gelang es dem letzten MSC-Vorsitzenden Bruno Bierschenk, einen Lauf der Seniorenserie nach Eschwege zu holen, der auf einem Ackergelände ausgefahren wurde. Die Bilanz der Eschweger Motorsportler vom Gründungsjahr 1951 bis zur letzten Enduro-Konkurrenz, der 23. DMV-Zuverlässigkeitsfahrt am 17. April 1983, kann sich wahrlich sehen lassen: Drei freie Veranstaltungen in den Gründerjahren ohne Anschluss an den Verband, sechs DMV-Hessenmeisterschaftsläufe, zwei nationale DMV-2-Tage-Fahrten, neun internationale DMV-2-Tage-Fahrten, davon vier Europameisterschaftsläufe mit fast 300 Startern u.a. aus der CSSR, Belgien, Bundesrepublik, DDR, England, Frankreich, Italien, Niederlande, Schweden, Polen, Schweiz, Spanien und Österreich, und schließlich noch sechs Läufe zur Deutschen Meisterschaft. Erste Kontakte in die DDR Bei dieser stattlichen Anzahl von Konkurrenzen mit internationalen Startern wird eines leicht übersehen: Dass es die Eschweger Motorsportler waren, die ab 1954 mit dazu beitrugen, dass sich das Verhältnis zu Sportclubs in der ehemaligen DDR verbesserte und entspannte. Der damalige 1. Vorsitzende Heinz Bührig: „Obwohl das nicht immer gern gesehen war und wir manchen Rüffel von oben bekamen“. Aber die Eschweger störte das nicht, sie starteten u.a. in Gotha, Heiligenstadt, Dresden und Zschopau. Die DDR-Sportler wiederum nahmen erstmals 1960 in einem Lauf zur Hessenmeisterschaft in Eschwege an der Blauen Kuppe und später an allen vier Europameisterschaftsläufen teil, die der MSC ausrichtete. Dabei bewiesen sie ihre Klasse, nahmen so manche Siegerplakette und viele Europatitel mit. Aber auch die Aktiven des MSC Eschwege mischten in all den Jahren im Konzert der Großen mit, brachten von den Enduro-Geländefahrten viele Klassensiege und sogar Deutsche Meisterschaften mit nach Hause. Erinnert sei an die für den MSC Eschwege fahrenden Sportler Herbert und Peter Wenderoth, Dieter und Manfred Liese, Jürgen Grein, Gerhard Ebel, Herbert Bechthold, Dieter Degenhardt, Uwe Ebenau und Christoph Schade. In den letzten Jahren waren es aber vor allem Bruno und Jens Bierschenk, die die Farben des MSC erfolgreich vertraten. Bruno Bierschenk, seit 1981 Sportleiter und zuletzt 1. Vorsitzender, schaffte in seiner aktiven Zeit weit über 100 Klassensiege, war mehrfacher Hessenmeister, Deutscher Meister und OMK-Seniorencup-Gewinner und damit der wohl erfolgreichste Sportler des MSC Eschwege. In den Gründerjahren machten aber auch die Auto- und Touristiksportler wie Max Werner, Heinz Bührig, Gerhard Fillies, Gerhard Bust, Gerhard Saame und Gerhard Schwichtenberg auf sich aufmerksam. Das alles war einmal, den Motorsportclub Eschwege gibt es nicht mehr. Zurück bleibt die Erinnerung an einen Club und engagierte Mitglieder, die dem Motorsport in der Region um Eschwege und in Hessen wichtige Impulse gaben. Schon deshalb ist es sehr schade, dass der MSC Eschwege auf diese recht unspektakuläre Weise aufgeben und aus den Vereinsregistern gestrichen werden musste. (Samstag, 6. Dezember 2008)